Die Freie Hochschule Stuttgart ist ein Standort der Forschung mit den Schwerpunkten pädagogische Anthropologie und Waldorfpädagogik. Insbesondere im Zusammenhang mit einer forschungsfundierten Lehrerbildung für Waldorfschulen werden Themen bearbeitet, die sich am bildungswissenschaftlichen Diskurs unter besonderer Berücksichtigung anthropologischer, erkenntnistheoretischer, ästhetischer, salutogenetischer oder methodisch-didaktischer Fragen orientieren. Eine Vielfalt von Forschungszugängen und –methoden sowie Interdisziplinarität sollen das Forschungsprofil bestimmen.

Die anthropologischen und didaktischen Grundlagen der Waldorfpädagogik werden in Konzepten ihrer bildungspraktischen Umsetzung analysiert. Dabei wird die spezifische Lehrerbildung für Waldorfschulen als prospektives Modell verstanden und im kritischen Abgleich mit anderen bildungswissenschaftlichen Ansätzen zugleich ausdifferenziert und kritisch überprüft. Außerdem werden Wirkungsannahmen Rudolf Steiners in Bezug auf Pädagogik und die Umsetzung von Steiners Vorschlägen in die Didaktik untersucht. In diesem Zusammenhang ist auch die Gegenüberstellung von Lehrkunst und technologischer Unterrichtsorganisation von besonderem Interesse. Sofern pädagogisches Handeln auf Sinnes- und Wahrnehmungsaktivitäten basiert, wird die leibliche Dimension wichtig. Dieser Aspekt, der im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs unter den Stichworten „Leibphänomenologie” oder „Embodiment” gefasst wird, ist für jede an der Leiblichkeit orientierte Lehrerbildung – also nicht nur für die Waldorfpädagogik – von Bedeutung. Dadurch soll u. a. der Verkürzung der unhintergehbaren somatischen Komponente menschlicher Entwicklung und menschlichen Lernens auf den zweifellos wichtigen neurobiologischen Aspekt entgegengewirkt werden.

Ein weiteres zentrales Forschungsfeld stellt die Wirkung künstlerischen Schaffens und Übens in den Bereichen Musik, Sprache, Bewegung und bildende Kunst auf die Fähigkeitsentwicklung von Lehrpersonen dar. Dabei ist im Hinblick auf eine Fortentwicklung der Waldorfpädagogik zu klären, wodurch Fähigkeiten von Lehrpersonen entstehen. Zu untersuchen ist darüber hinaus, wie anthroposophische Erkenntnisansätze im Kontext von Bildungswissenschaften und Kunst und wie das künstlerische Tun auf die Persönlichkeitsbildung der Lehrpersonen und deren Wahrnehmung von Kindern wirken.

Die Forschungspraxis an der Freien Hochschule ist von einer pluralen, diskursoffenen kollegialen Zusammenarbeit unter Wahrung der Freiheit von Forschung und Lehre sowie der begrifflichen und thematischen Anschlussfähigkeit an verschiedene Konzeptionen und Realisierungsformen der Bildungswissenschaft bestimmt. Ein Anliegen der Waldorfpädagogik und der zugrundeliegenden Forschungspraxis ist dabei die Erweiterung der wissenschaftlichen Orientierung durch die systematische Beobachtung der eigenen Denktätigkeit im inneren Nachbilden sinnlicher Phänomene und geistig-seelischer Aktivitäten. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung von vier verschiedenen Dimensionen: dem Denken im kausalen Erkennen, einem Denken in Bildern, Denken in Wechselbeziehungen (organisches Erkennen) und schließlich dem Denken im physiognomischen Erkennen sinnlicher Phänomene oder mimischer Ausdrucksformen. Sofern jede dieser vier Bewegungen auf der ungeteilten, fokussierten Aktivität des Denkenden beruht, kann sie eine eigenständige Einsicht in Gesetzmäßigkeiten generieren, in der die Erscheinungswelt geistig transparent wird.

Der fortlaufende wissenschaftliche Diskurs hat seinen fest institutionalisierten Ort im regelmäßig tagenden Forschungskolloquium der Hochschullehrenden, in einem seit über 25 Jahren fest etablierten Erziehungswissenschaftlichen Kolloquium unter Beteiligung von Wissenschaftlern und Pädagogen außerhalb der Freien Hochschule sowie in einer Gastprofessur. Dadurch sollen die Profilbildung der Freien Hochschule und zugleich ihre Öffnung für den bildungswissenschaftlichen Dialog mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen gewährleistet werden.