Schwäbischer Exportschlager: Wie die Waldorfschule von Stuttgart weltweit den Siegeszug antrat.

Daimler, Bosch oder Porsche? Alles Stuttgarter Exportschlager. Doch während die Konzerne mit der weltweiten Konkurrenz um jeden Euro Umsatz zu kämpfen haben, boomt seit Jahren das Stuttgarter Produkt Waldorfpädagogik. Auch wenn es in der Heimat immer wieder belächelt wird. „Wir freuen uns fast, wenn mal wieder die Frage nach dem Namen-Tanzen kommt“, sagt Matthias Jeuken, Professor an der „Freien Hochschule Stuttgart – Seminar für Waldorfpädagogik“, als er auf das berühmte Klischee angesprochen wird.

Da ist eine gewisse Lockerheit bei den Verantwortlichen zu spüren. Schließlich
braucht man sich als Verantwortlicher für Waldorfpädagogik nicht verstecken. 1919 als außergewöhnlicher Versuch von Rudolf Steiner und dem Stuttgarter Direktor der Waldorf- Astoria-Zigarettenfabrik Emil Molt gestartet, existieren inzwischen fast 1300 Einrichtungen weltweit. „Davon sind etwa 230 in Deutschland“, sagt Jeuken, Tendenz steigend. Ein Erfolgsmodell.
Am stärksten ist der Boom aktuell in China. „Dort explodiert die Entwicklung regelrecht“, so Jeuken. Ein Trend, der Auswirkungen auf die Arbeit in Stuttgart hat, dem wohl wichtigsten Standort für die Ausbildung künftiger Waldorfpädagogen. „Wir sind gerade im zweiten Durchlauf mit einem neuen internationalen Studiengang“, sagt Peter Lutzker. Der Sprachwissenschaftler, der aus den USA stammt, war 25 Jahre Waldorf-Lehrer und ist seit vielen Jahren für die Lehrerausbildung zuständig. In Stuttgart verantwortet er den neuen Studiengang mit. „Das internationale Gremium für Waldorfpädagogik ist auf uns zugekommen, ob wir so etwas nicht anbieten könnten“, sagt Lutzker.
Durch die wachsende Internationalität sei die Nachfrage nach gut ausgebildeten Pädagogen groß. Fanden früher an der Freien Hochschule Stuttgart in erster Linie das Studium zum Klassenlehrer und die Weiterbildung zum Oberstufen-Fachlehrer statt, ist nun der internationale Studiengang hinzugekommen, der sich stark an der Klassenlehrer- Ausbildung orientiert. Die Studenten kommen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt: „Neben China haben wir hier Japaner, Mexikaner, Israelis und Ägypter“, sagt Lutzker. 21 Studenten aus elf Nationen im ersten Jahrgang und 30 Studenten aus 21 Nationen im zweiten Durchlauf. „Die Studenten nehmen sehr viel auf sich, um hier zu studieren“, so Jeuken. Aber auch in den anderen Studiengängen geht es international zu: Etwa15 Prozent der Studierenden sind nicht deutscher Herkunft. In den letzten Jahren stammten diese Studierenden aus mehr als 50 Nationen und sind in der Regel wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Teils lebten sie mit ihrer kompletten Familie in Stuttgart. „Man merkt auch, dass es für viele eine Rolle spielt, hier in Stuttgart ausgebildet zu werden, wo die Waldorfpädagogik ihren Ausgangspunkt hat“, sagt Jeuken.
In der Ausbildung an sich spielt der Stuttgarter Bezug keine wesentliche Rolle. „Im Studium versuchen wir zu vermitteln, wie man Lerninhalte weitergibt“, erklärt Jeuken. „In jedem Land ist das nicht nur ein anderer Lerninhalt, sondern auch Art und Weise der Vermittlung sind je nach Kultur und Region unterschiedlich.“ Deshalb sei ein wichtiger Bestandteil die Frage: Wie kann man die Methodik in der Pädagogik den jeweiligen Gegebenheiten anpassen. „Einfach Grimms Märchen in China vorlesen, bringt einen nicht weiter“, sagt Jeuken.
Überhaupt können je nach Land die Waldorfschulen deutlich differieren: „In Deutschland haben wir die im Grundgesetz verankerte Berechtigung, dass wir staatlich unterstützt werden und keine hohen Schulgelder verlangen müssen“, sagt Jeuken. „Aus finanziellen Gründen wird keiner abgewiesen.“ In den USA kann das ganz anders sein, Eltern müssen zum Teil bis zu 25 000 Dollar pro Schuljahr für ihre Kinder bezahlen. „Entsprechend anders sieht dort die Schülerlandschaft aus“, sagt Lutzker. Das sei kein Idealzustand, räumt er ein, Schließlich sei die Waldorfschule zur Gründung eine Schule für Arbeiterkinder gewesen. Um genau zu sein, für die Kinder der Beschäftigten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Befürchtungen, wonach die Waldorflehre durch den anhaltenden Erfolg und die unterschiedlichen Voraussetzungen verwässern könnte, haben Jeuken und Lutzker nicht. „Wir sehen die Entwicklung hin zu unserem neuen internationalen Studiengang sehr positiv, zum anderen gibt es in allen Ländern Gremien, die prüfen, ob da, wo Waldorfschule draufsteht, auch Waldorfschule drin ist“, so ihr Argument.
Die beiden Dozenten beschäftigt vor allem die Frage, wie man in Deutschland ausreichend Nachwuchs generieren kann, damit die große Nachfrage nach Waldorfschul-Plätzen bedient werden kann und genügend Lehrer zur Verfügung stehen. „Da haben wir in Sachen Marketing und Öffentlichkeitsarbeit vielleicht noch Luft nach oben“, sagt Jeuken. „Viele Kinder genießen zwar ihre Zeit an der Waldorf-Schule, ihnen ist aber nicht bewusst, dass sie da hinterher auch Lehrer werden könnten.“
Die Lehre selbst erfreut sich nicht nur einer großen Nachfrage, sondern hat sich im Lauf der Jahre verändert. Die meisten Fragen der Waldorfpädagogik seien jedoch gleich geblieben. „Wie muss die Lehrer-Schüler- Bindung sein? Wie entwickelt sich ein gesunder Mensch?“ Die Antworten darauf haben sich gewandelt, fasst Jeuken die Entwicklung zusammen – egal, ob in Stuttgart oder China. Die Frage nach dem Namen-Tanzen ist übrigens eine typisch deutsche: „In anderen Ländern gibt es diese Art der Vorurteile nicht“, sagt Jeuken. Was aber zugegebenermaßen nicht nur mit der Toleranz der Personen zu tun habe, sondern auch damit, dass in anderen Ländern die Lehre trotz des Booms noch unbekannter ist als in der Region Stuttgart. Sollte die Waldorf-Lehre in Asien und Amerika allerdings mal einen ähnlichen Bekanntheitsgrad haben wie im Schwäbischen, könnten Matthias Jeuken und Peter Lutzker die Tanz-Frage sicherlich auch mit Humor nehmen.

Thomas Miedaner