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"Wie können wir die 'Mattscheibe' durchlässiger machen?" Digitaler Unterricht und die Kompetenz der Waldorfpädagogik

Digitaler Unterricht und die Kompetenz der Waldorfpädagogik

Bereits eine Woche nach der coronabedingten Schließung begann an unserer Hochschule der digitale Unterricht. Ein komplett neuer Stundenplan wurde entwickelt.

Gesangsdozentin Monika Mayr-Häcker singt mit den Studienanfänger*innen. Doch in der Hauptunterrichtszeit am Vormittag ist der Server zu sehr gefordert und die vielen heimischen WebCams müssen bis auf zwei von ihnen aus bleiben, um die Verbindung stabil halten zu können. Kollege Phillipp Kleinfercher rezitiert für seine Poetik-Epoche mit vollem stimmlichen Einsatz. Dabei sieht der Dozent für Deutsch und Geschichte nicht in die Gesichter von rund 30 lernbegierigen Studienanfänger*innen. Er sitzt allein in seinem kleinen Büro – und spricht mit seinem Bildschirm. Er kann die Teilnehmer*innen seines Kurses nur erahnen. 
"Sind Sie noch da? Bitte geben Sie mir doch ein kurzes Zeichen", lacht Kollege Prof. Dr. Tomáš Zdražil gleichzeitig eine Etage tiefer. Auch er kommuniziert in den imaginären Raum. "Das ist einfach anstrengend. Digitales Unterrichten fordert einen ganz anders", sagt er drei Stunden später. "Es ist für uns als pädagogische Einrichtung, die auf menschlichem Miteinander beruht, ein gewaltiger Einschlag, ohne realen Unterricht leben zu müssen. Und doch bin ich immer wieder stolz und beeindruckt, was wir hier alles auf die Beine stellen, gerade auch, wenn es um die Weiterführung des künstlerischen Unterrichtes wie Sprachgestaltung oder Kunst geht", führt er aus.
"Bei der Vermittlung von praktischen Inhalten, wie dem Modul "Spinnen und Färben" aus der Handarbeitsmethodik ist das ein echtes Abenteuer", schmunzelt Isabel Lenschow, Dozentin für die angehenden Klassenleher*innen, die im Nebenfach Handarbeit studieren. Jeden Handgriff dokumentiert sie jetzt elektronisch, verschickt Videos und Fotos – das dauert einfach seine Zeit. "Jetzt weiß ich Live-Unterricht umso mehr zu schätzen", lacht sie.
 
"Wie können wir die "Mattscheibe" nach allen Seiten hin durchlässiger und durchgängiger machen? Den Bildschirm sozusagen aufweichen, damit mehr hin- und hergehen kann?" Dieser Frage geht Prof. Sabine Eberleh, die die Studienanfänger*innen im ersten Bachelor-Jahr, dem sogenannten A-Kurs, betreut, gemeinsam mit den Studierenden intensiv nach und dokumentiert die Erfahrungen. "Es geht darum, in Beziehung zu bleiben als Waldorflehrer*in - das ist doch genau das, was wir den zukünftigen Klassenlehrer*innen vermitteln möchten – und zwar jetzt, trotz dieses Mediums." 

Als der Lockdown kam, fackelte das Kollegium der Hochschule nicht lange, sondern packte sofort an. Die rettende technische Hilfe kam vom hauseigenen Lehrstuhl für Medienpädagogik. Mit der zur Verfügung gestellten Software für Videokonferenzen können auch die "systemrelevanten" Hochschulkonferenzen wieder stattfinden. Nach einer wertvollen Woche Probelauf nutzte man die Osterferien, um einen digitalen Stundenplan zu entwerfen, bei dem die frisch gesammelten Erfahrungen einfließen konnten: Wie lange kann man effektiv einem digitalen Unterricht folgen? Welche Vielfältigkeit in der Ansprache ist per Bildschirm nötig und möglich? Was bedeutet Sinnlichkeit in der digitalen Welt? Zum Beispiel Mimik und Gestik? "Wir sitzen in einem Forschungslabor und können miteinander untersuchen, was "Lernen" und "Unterrichten" mit diesem digitalen Medium bedeutet", sieht Prof. Sabine Eberleh die Chance in der Krise. 

"Ich bin sehr froh und erleichtert, dass der online-Unterricht so gut funktioniert und umgesetzt wird", sagt Silke, eine Studentin aus dem A-Kurs. Was kann förderlich sein – und was geht letztlich einfach nicht? Prof. Dr. Edwin Hübner, Leiter des von Tessin-Lehrstuhls für Medienpädagogik, freut sich sehr, dass die öffentliche Diskussion um die Forderung nach mehr Digitalität in den Schulen jetzt differenzierter und kritischer zu werden scheint. Denn eins ist klar: Nichts kann den realen, menschlichen Kontakt ersetzen. Nicht nur die Studierenden, vor allem auch die Schüler*innen im Land vermissen das Miteinander im Unterrichtsraum, ihnen fehlt die Gegenwart ihres Lehrers, ihrer Lehrerin. "Ich vermisse es total, an die Uni zu gehen, Menschen zu umarmen und die Mittagspause mit Euch allen in der Sonne zu genießen", sagt Andreas aus dem A-Kurs via Video-Chat seinen Kommilitonen und Kommilitoninnen.

 

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