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Emil Molt und Hermann Hesse: Eine Freundschaft, aus der eine Schule wuchs

Zum 150. Geburtstag Emil Molts beleuchtet Prof. Dr. Tomáš Zdražil im Vortrag die enge Verbindung zwischen dem Gründer der ersten Waldorfschule und dem späteren Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse – eine Beziehung, die weit über die gemeinsame Jugend in Calw hinausreichte.

Hier geht es zur Videoaufzeichung: https://youtu.be/jVO1QxVAfYw

Anfang Juli 1919 erreichte den im Tessiner Montagnola lebenden Hermann Hesse ein Brief aus Stuttgart. Sein Absender, der Unternehmer Emil Molt, berichtete darin von einem Vorhaben, das die Bildungslandschaft verändern sollte: "während wir schon vor einiger Zeit eine Arbeiterbildungsschule in's Leben riefen […], schreiten wir zur Errichtung einer freien Waldorfschule. Sie wird eine Einheitsschule im besten Sinne des Wortes, weil Angestellten- und Proletarierkinder auf einer Bank sitzen." Hesses Antwort fiel warmherzig aus: "Das über Deine prächtige Schule las ich mit Teilnahme und lautem Bravo!"

Mit diesem Briefwechsel eröffnete Tomas Zdrazil seinen Vortrag – und machte zugleich das Besondere sichtbar: Hier wuchs eine Schule aus einem Wirtschaftsunternehmen heraus, getragen von der Sehnsucht der Arbeiterschaft nach Bildung ebenso wie von den Überzeugungen ihres Unternehmers.

Zwei ungleiche Wege

Zdrazil zeichnete das Porträt zweier gegensätzlicher Persönlichkeiten. Auf der einen Seite Emil Molt, geboren am 14. April 1876 in Schwäbisch Gmünd: ein erfolgreicher Kaufmann, der 1906 die "Waldorf-Astoria"-Zigarettenfabrik mitbegründete und 1918 rund 1000 Menschen beschäftigte. Auf dem Gipfel seiner gesellschaftlichen Laufbahn – als "Kommerzienrat" – war Molt überzeugt, dass dauerhafte Verbesserung der Verhältnisse nicht durch äußere Revolution, sondern durch Geist und Bildung möglich sei.

Auf der anderen Seite Hermann Hesse, ein "Mensch der Sprache", der sich aus der Welt der Wirtschaft in die Literatur zurückzog und von dort zu helfen suchte – etwa mit seiner "Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene". 1919 erschien sein Roman "Demian", dessen Vorwort programmatisch klingt: "Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin."

Wurzeln in Calw

Kennengelernt hatten sich beide als Schüler in Calw, wo Molt ab 1889 das Lyzeum besuchte und eine kaufmännische Lehre begann, während Hesse dort später als Praktikant in der Turmuhrenfabrik Perrot arbeitete. Wieder zusammengeführt wurden sie erst ein Vierteljahrhundert später – durch Molts Idee, die Front nicht nur mit Tabak, sondern auch mit Lektüre zu versorgen. Als Molt schwäbische Dichter um Mitarbeit bat, erkannte Hesse den alten Freund: "sollte dies mein alter Schulfreund aus Calw sein, so bitte ich, ihn von mir zu grüßen."

Aus dieser Wiederbegegnung erwuchs eine tiefe, zwanzig Jahre währende Freundschaft. Molt unterstützte den in einer Lebenskrise steckenden Hesse großzügig – finanziell wie menschlich. "Wir leben im Zeitalter der Solidarität", schrieb er ihm 1916 und richtete zugleich eine regelmäßige Zahlung ein. Hesse selbst notierte 1917, Molt erkenne ihn "als Kopf und Künstler" an. Seine Dankbarkeit hinterließ Spuren im Werk: Das Märchen "Augustus" widmete er Emil und Berta Molt.

Bildung als sozialer Impuls

Einen Schwerpunkt legte Zdrazil auf das Jahr 1919, in dem Molt – angeregt durch Rudolf Steiners Ideen zur "Dreigliederung des sozialen Organismus" – zum Initiator, Organisator und Finanzier der ersten Waldorfschule wurde. Sie sollte eine echte Einheitsschule sein, in der Kinder aller sozialen Schichten gemeinsam lernten. Molt kaufte das Grundstück, sorgte für die Ausstattung und bezahlte die Lehrergehälter; binnen weniger Jahre wuchs die Schule zur größten Stuttgarts heran.

Molt versuchte, auch Hesse für seine Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu gewinnen. Doch obwohl Hesse den Reformgedanken nahestand – schon in "Unterm Rad" hatte er die alte Schule kritisiert – blieb er auf Distanz. Mitten in einer schweren persönlichen Krise antwortete er 1919: "Ich kämpfe hier um mein Leben und muss weiter in der Stille meine Jahresringe ansetzen." Sein Verhältnis zur Anthroposophie blieb zwiespältig, sein Interesse an Molts Werk jedoch aufrichtig: "Die Erfolge deiner Schule freuen mich herzlich!"

Ein tragischer Ausklang – und ein bleibendes Erbe

Zdrazil verschwieg nicht die tragischen Züge in Molts weiterem Leben: die Liquidation seiner Fabrik 1929, gesundheitliche Beschwerden und schließlich sein mutiges Eintreten für den Fortbestand der Waldorfschule unter dem Druck des Nationalsozialismus bis zu seinem Tod am 16. Juni 1936. "Man kann doch Pädagogik nicht von der Anthroposophie trennen!", verteidigte er den Schulverein.

Auch Hesse widersetzte sich den "dämonischen Kräften" der Zeit und half Geflüchteten. 1946 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. In seiner Dankesrede bekannte er sich zum "Gedanken von der Über-Nationalität und Internationalität des Geistes".

So verband sich das Wirken beider Männer – des Unternehmers und des Dichters – in einem gemeinsamen Grundton: dem Vertrauen darauf, dass wahre Erneuerung im Inneren des Menschen beginnt. Ein Erbe, das die Freie Hochschule Stuttgart bis heute trägt.