Wissenschaft gilt in demokratisch-säkularen Informationsgesellschaften als Garant für zuverlässige, überprüfbare und gültige Erkenntnisse in Abgrenzung zu bloß subjektiven Werthaltungen, Ideologien oder religiösem Glauben. Sofern sich künftige Pädagogen durch ein wissenschaftliches Studium auf ihre spätere Tätigkeit vorbereiten, müssen sie sich einerseits mit den anerkannten Fakten aus ihren Unterrichtsfächern, andererseits mit grundlegenden bildungswissenschaftlichen Befunden und drittens mit methodologischen Grundlagen der Erkenntnisgewinnung vertraut machen. Aber was in der Wissenschaft Objektivität garantieren soll, kann zu einer Verarmung des Erlebens führen – und damit die Wahrnehmung der Welt kümmerlich und uninteressant machen. Wer als Wissenschaftler sein Fach beherrscht, kann es doch möglicherweise nicht so vermitteln, dass junge Menschen davon angeregt und interessiert werden.

Wer die Welt seinen Schülern nahe bringen will, muss sie selbst auf eine Weise kennen lernen, die ihn seelisch ergreift. Gefragt ist eine Wissenschaft, die mit seelischem Engagement, mit Neugier, mit Staunen und Fragen beginnt und den Forscher selbst verwandelt. Studierende, die nur gelernt haben, auf Expertenwissen zu vertrauen und dies zu reproduzieren , laufen Gefahr, das eigene Fragen zu verlernen. Interesse wecken kann nur, wer immer neu aus eigenem Staunen eigenes Fragen und Suchen entwickelt und schließlich Schülerinnen und Schüler durch die selbst errungene Einsicht zu eigenem Forschen anregt. So können in dem die ganze Persönlichkeit einbeziehenden chemische Elemente und physikalische Gesetze, Pflanzen, Tiere und Menschen etwas Wesenhaftes zur Erscheinung bringen; auf diese Weise wird die Welt persönlich bedeutsam.
Anthroposophie als Grundlage der Waldorfpädagogik ist in diesem Sinne als ein Erkenntnisweg zu verstehen, der die Suchbewegung des Forschers ebenso ernst nimmt wie das faktische Wissen über Lehrinhalte. Das menschliche Denken ist im Sinne Rudolf Steiners zwar durch subjektive Empfindungen und Gefühle individualisiert, seine Inhalte sind dagegen universell, sofern es sich den immanenten Gesetzen einer folgerichtigen und stringenten Argumentation unterwirft. Im Erleben des eigenen Denkens erschließt sich dem Erkennenden eine Teilhabe an der Welt, die diese erst zur Ganzheit vollendet. In diesem Sinne wird Anthroposophie nicht als ein Bekenntnis, sondern als Erkenntnismethode behandelt.

Ausgangspunkt des bildungswissenschaftlichen Studiums ist eine pädagogisch-anthropologische Perspektive, welche philosophische, entwicklungspsychologische und biologische Aspekte umfasst und im Besonderen in anthropologischen, pädagogischen, philosophischen und psychologischen Theorien fundiert ist. Im Rahmen einer lebendigen Menschenerkenntnis, die die Grundlage für eine innovative pädagogische Praxis bildet, erscheint die Anthroposophie als eine Heuristik, die den Blick der Pädagogen auf mögliche Zusammenhänge in der leiblichen, seelischen und geistigen Entwicklung von Heranwachsenden lenkt. So haben externe Gutachter der Freien Hochschule Stuttgart ausdrücklich bescheinigt, dass nach ihrer Wahrnehmung in den Lehrveranstaltungen ein offener Diskurs stattfindet, dass kritische Stellungnahmen ausdrücklich erwünscht sind und vorbehaltlos diskutiert werden.

Anthroposophie wird also nicht als ein Wissensbestand vermittelt, sondern als Angebot für die reflexive Suchbewegung im individuellen Erkenntnisstreben. Sie eröffnet die Perspektive auf geistige Erfahrungen, die im Vollzug eines eigenständigen, kritischen Denkens entstehen, und überschreitet die Begrenzung einer ausschließlich an naturwissenschaftlichen Maximen orientierten Weltanschauung, die sich allein auf messbare und intersubjektiv reproduzierbare Fakten richtet. Darüber hinaus begründet Anthroposophie einen vielseitigen Übungsweg mit dem Ziel der Fähigkeitsbildung künftiger Lehrpersonen. Gemeint sind künstlerische Betätigungen im Malen und Zeichnen, Plastizieren, Musik, Sprachgestaltung und Eurythmie. Kontinuierliche Übungen in diesen Künsten sollen sowohl die Selbstwahrnehmung der Studierenden als auch ihre Sensibilisierung für Entwicklungs- und Lernvorgänge bei Kindern und Jugendlichen fördern. Diese Form der Fähigkeitsbildung erweitert die Freiheit und Kritikfähigkeit der künftigen Waldorflehrer im Sinne einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung.

Rudolf Steiner

Rudolf Steiner, Begründer der Waldorfpädagogik

Rudolf Steiner (* 27.2.1861 Kraljevec im heutigen Kroatien, † 30.3.1925 Dornach bei Basel) erlangte eine differenzierte wissenschaftliche Ausbildung auf dem modernsten Stand seiner Zeit: Philosophie, Biologie, Chemie und Physik waren die Fachgebiete seines Studiums an der Technischen Hochschule in Wien.
Der 21-jährige Rudolf Steiner wurde als fachkundiger Experte mit der Heraus­gabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften beauftragt. Im Jahr 1891 erfolgte die Promotion bei H. von Stein in Rostock mit einer Arbeit über „Die Grundfragen der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre” - 1892 erschienen unter dem Titel „Wahrheit und Wissenschaft”.

Als Philosoph war Steiner bestrebt, die Transzendentalphilosophie Kants und Fichtes durch eine verstärkte Beobachtung des Denkens zu überwinden. In seinem philosophischen Hauptwerk von 1894 mit dem Titel „Die Philosophie der Freiheit” entwirft Steiner eine grundlegende Anthropologie der Welt­begegnung, die von der Denktätigkeit der menschlichen Individualität ihren Ausgang nimmt. Steiner wies selbst immer wieder auf die zentrale Funktion dieser Schrift bezüglich der von ihm entwickelten „Anthroposophie” hin (grch. „anthropos” Mensch, „sophia” Weisheit).

Steiner wirkte als Hauslehrer und Erzieher in Wien (1884-1890), am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar (1890-1897), als Herausgeber literarischer Zeitschriften und als Lehrer (1899-1904). Von 1900 bis zu seinem Leben­sende 1925 war er zunehmend als Autor und Vortragsredner tätig. Daneben begannen seine Forschungsergebnisse in verschiedenen Lebensbereichen praktische Relevanz zu entwickeln. Neben der Begründung der Waldorf­pädagogik als einer Erziehungskunst sind in diesem Zusammenhang die Eurythmie, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die anthroposophisch erweiterte Medizin und insbesondere Erneuerungsimpulse auf allen Gebieten der Kunst (Sprachgestaltung, Musik, Bildende Kunst, Architektur) zu nennen.

Ab 1914 wirkte Steiner von Dornach aus. Dort bildet heute das von ihm entworfene Goetheanum ein Zentrum der Geisteswissenschaft.